Die Gebetswoche für die Einheit der Christen

Letzte Woche fand die Gebetswoche für die Einheit der Christen statt. Was wir in dieser Woche alles erlebt haben, berichtet Valentin im Folgenden:

Die Gebetswoche für die Einheit der Christen war wirklich ein Highlight. An acht Tagen fanden acht Gebete/Andachten/Gottesdienste bei acht verschiedenen Konfessionen statt. Dass es so viele verschiedene Konfessionen gibt, nimmt man in Deutschland oft gar nicht wahr. Hier in Jerusalem sind aber neben Katholiken und Protestanten auch viele Ostkirchen, orientalische Kirchen usw. omnipräsent. Wir hatten jetzt die Gelegenheit, viele davon kennenzulernen und so Einblicke in deren Gebetsformen, Sprachen und Kirchenräume zu bekommen.

Die Gebetswoche startete in der Grabeskirche bei den Griechisch-Orthodoxen: Der Auftakt war alles andere als spektakulär, denn man sah nichts, hörte nichts und hatte nicht gerade den Eindruck, dass hier verschiedene Konfessionen zusammen etwas sagen wollen a lá „wir alle sind Christen und gehören zusammen“ wie das an den folgenden Tagen der Fall war. Nichtsdestotrotz war es interessant, einem orthodoxen Gebet beizuwohnen.

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In der Grabeskirche

Am nächsten Tag ging es bei den Anglikanern weiter: Dorthin mussten wir zwar ein ganzes Stück laufen, es hat sich aber sehr gelohnt. Phänomenale Orgelmusik, klassische englischsprachige Kirchenlieder und eine schöne Liturgie sorgten für eine tolle Atmosphäre. In der Predigt ging es um das diesjährige Motto aus dem Buch Deuteronomium „Gerechtigkeit und nur Gerechtigkeit sollt ihr erstreben“. Ich stellte fest, dass die Anglikaner von meiner katholischen Warte aus kaum exotisch wirken und ich dort auch einmal einen Sonntagsgottesdienst miterleben will.

Gebetswoche für die Einheit der Christen

Bei den Anglikanern

Montags wäre ich sehr gerne zu den Armeniern gegangen – der Sprachkurs ging aber vor!

Gebetswoche für die Einheit der Christen

Bei den Armeniern: Diejenigen, die keinen Sprachkurs hatten, konnten nämlich hingehen und einen schönen armenischen Gottesdienst miterleben

Am Dienstag kamen dann Scharen von Menschen in der ev. Erlöserkirche zusammen. Der Propst sprach von den Christen in Indonesien, die das Thema (s.o.) gewählt hatten und es fand eine schöne Wortgottesdienstfeier statt. Am Ende fand etwas sehr Spannendes statt, denn die vielen geistl. Würdenträger und Würdenträgerinnen segneten einer/eine nach dem/der anderen das Volk. Als Katholik ist man es ja gewohnt, sich beim Segen zu bekreuzigen und so standen die vielen Katholiken da und bekreuzigten sich am laufenden Band. Ich musste ganz spontan daran denken, dass ich in einem Römermuseum, in dem ich Führungen mache, den Schülern regelmäßig erkläre: „Für einen Soldaten am Limes war es nicht ungewöhnlich, die Götter seiner Heimat, die lokalen Gottheiten und die der Römer zu verehren und gleichzeitig z.B. dem Mithraskult anzugehören, um sich nach allen Seiten abzusichern.“ War aber nur eine spontane Assoziation, denn mir wurde die ganze Woche über und gerade beim Segnen – beim „Gutes zusprechen“ – der verschiedenen Konfessionen klar, wie leicht unsere Unterschiede im Gegensatz zu unseren Gemeinsamkeiten wiegen.

Gebetswoche für die Einheit der Christen

In der Erlöserkirche

Zur Geltung kam das auch am nächsten Tag bei den Franziskanern. Zu Beginn des Gottesdienstes fand der sog. Asperges-Ritus statt. Was wir heute nur noch an besonderen Festen kennen (z.B. Taufe des Herrn), war früher relativ normal: Zu Beginn des Gottesdienstes geht der Priester mit Weihwasser durch die Kirche und besprengt damit die Gläubigen als Tauferinnerung. Als Zeichen der einen Taufe, die alle und wirklich alle Christen eint, gingen die unterschiedlichsten Geistlichen nun durch die Kirche und als Teilnehmer wurde man so von orthodoxen, orientalischen, lutherischen, anglikanischen, katholischen, koptischen, äthiopischen usw. Geistlichen mit Weihwasser besprengt. Das war wirklich etwas Besonderes und wie der ganze Gottesdienst eine tolle Erfahrung – ohne Diskussionen, ohne verschiedene Eucharistieverständnisse, ohne kulturelle Kleinkrämerei, sondern mit dem Zeichen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes.

Gebetswoche für die Einheit der Christen

Bei den Franziskanern

Der Donnerstag war dann unser großer Tag: Im Abendmahlsaal führten die Mönche der Dormitio das Gebet durch und viele von uns konnten sie dabei unterstützen. So lasen wir Fürbitten auf Italienisch, Deutsch und Französisch oder sangen in einer kleinen Schola Taizelieder, die das Gebet umrahmten. Überschattet wurde das Ganze für mich aber von den Protesten der ultraorthodoxen Juden vor der Tür. Es ging schon damit los, dass wir unter Polizeischutz zum Abendmahlsaal gebracht wurden. Vor dem Eingang standen dann Ultraorthodoxe mit Transparenten und forderten, dass kein christliches Gebet dort stattfinden dürfe. Der Ort ist für die Juden natürlich sehr wichtig, da sie hier das Grab König Davids verorten (erschwerend kommt hinzu, dass der Ort bis heute besonders verehrt wird: Von 1948 bis 1967 – also von der jordanischen Besetzung der Altstadt bis zur israelischen Eroberung im Sechstagekrieg – war er nämlich der dem Tempelberg und der Klagemauer am nächsten gelegene Ort, den Juden betreten konnten). Der Abendmahlsaal ist aber nun einmal auch uns Christen wichtig! Ein weiteres Beispiel für die sich überlagernden Interessen in Jerusalem. Mein persönliches „Highlight“ kam dann als ich nach dem Gebet aus dem Abendmahlsaal auf die Straße ging. Ich hatte in meinen Armen den ca. 10kg schweren Sockelstein, in den das Kreuz gestellt worden war, dabei. Mit diesem Stein lief ich direkt vier Polizisten in die Arme, die wohl entweder dachten, ich stehle archäologisches Material oder will den Stein als Waffe benutzen. Nachdem sie mich recht vehement aufhielten, klärte aber ein Israeli die Situation und sie ließen mich ziehen. Naja, ich nehme es den Polizisten auf keinen Fall übel, schließlich haben sie jeden Tag mit radikalen Menschen zu tun – das mulmige Gefühl, dass auch wir heute mit einem halbstündigen Gebet an einem uns heiligen Ort diese Radikalen auf den Plan gerufen haben, bleibt jedoch und überschattet die Erfahrungen des Tages.

 

Die nächsten beiden Tage waren wir auf der Negevexkursion, weshalb wir nicht zu den Kopten und Äthiopiern konnten – schade! Am Sonntag fand dann der Abschluss bei den griechisch-katholischen Christen statt. Da bis auf eine Lesung alles auf Arabisch war, konnten wir leider kaum folgen und quasi gar nichts verstehen – spannend mitzuerleben war es trotzdem!

 

Alles in allem haben sich die Besuche absolut gelohnt. Selbst wenn man nicht immer alles verstand oder die Riten völlig fremd waren, hatte man das Gefühl, gerade in einem ökumenischen Volk der Glaubenden zu stehen, gemeinsam zu beten und sich auf die Gemeinsamkeiten unter den Konfessionen zu konzentrieren. Ich bin froh, das hier in Jerusalem miterlebt haben zu können.

Wir grüßen herzlich aus Jerusalem

                                                                                         Für das 45. Theologische Studienjahr

                                                                                         Valentin, Jessica und Anna-Lisa!

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